Mittendrin in dieser Karriere befindet sich hingegen der Star des Abends, der in Wien lebende Oskar Hillebrandt. Er bewältigte nicht nur eine der anspruchsvollsten Partien der Opernliteratur, nämlich den Schustermeister Hans Sachs, sondern er gestaltete sie zu einer solch subtilen menschlichen Charakterstudie, dass einem an manchen Stellen die Tränen in den Augen standen. In seinem Verzicht auf die junge Eva erinnerte er stark an die Feldmarschallin des Rosenkavaliers.

Die unübertroffene Leistung von Oskar HILLEBRANDT als Sachs, der zudem auch noch eine perfekte Darstellung erbrachte, wird lange im Gedächtnis bleiben, souverän meisterte er seine Partie, gerade "Wahn, Wahn, überall Wahn" fand gebannte Zuhörer.

Oskar Hillebrandt verkörpert einen pfiffigen Sachs, unterstreicht diesen selbstreflektierenden Filou-Charakter mit distanziert-interpretierendem Gesang, beeindruckt mit differenzierter Ausdrucksmöglichkeit, vermag sogar (Selbst-)Ironie mit stimmlichen Mitteln zu artikulieren, beherrscht die Möglichkeiten seines agilen Baritons par excellence.

Oskar Hillebrandt, seine volle Stimme, die im Piano genauso intensiv klang, wie im strahlenden Forte, war zu differenziertestem Ausdruck fähig. Die deutliche Aussprache kam besonders den Balladen von Schumann und Loewe zugute. Aber auch die Interpretationen von Beethovens Gellert-Liedern und Schuberts Wanderer zeugten von dem musikalischem Einfühlungsvermögen des Sängers und seines hervorragenden Begleiters.

Um so ausgeglichener wirkte dagegen Oskar Hillebrandt, der die Basspartie des Simon mit ruhig-maßvoller Stimm- und Gestaltungskraft darstellte

Doch wenn auch diese Solisten ehrliche Zustimmung verdienen, so stach doch die Leistung von Oskar Hillebrandt noch von Ihnen ab. Dessen sicher fundierte und ergiebige Baßstimme folgte allen Regungen. Verständlich war bei diesem Sänger jedes Wort, außerdem gelang es ihm am sichersten, sich in die Mentalität des Landmanns einzufühlen.

Oskar Hillebrandt charakterisierte den pedantischen, am Ende noch bedauernswerten Sixtus Beckmesser vortrefflich. Im Ständchen "Den Tag seh ich erscheinen" und in dem köstlich entstelltem Werbelied offenbarte sich sein Talent für komische Rollen.

Kiaso fand in OH in Spiel und Stimme eine ideale Gestaltung. Der Sänger gab der schwierigen Rolle mit ihren dramatischen Ausbrüchen in ungewöhnlichen Höhenlagen eine profilierte Wiedergabe.

Neben Josef Greindl, weder zu übersehen noch zu überhören, war OH als mit äußerstem Maß meßbarer Beckmesser, ein Komödiant aus jener schmalen Schar, die gestische Mache durch Stimmführung und -charakter sowie durch mimischen Ausdruck zu ersetzen vermag. Ein Sängerschauspieler, dessen Stimme diesen Abend aufs kaum Vergessbare rückte.

Da ist vor allem der Hamlet Oskar Hillebrandts, eines Baritons von geschmeidiger Fülle und großer Ausdrucksskala, der die vielschichtige Figur in jeder Phase glaubhaft macht.

Rühmenswert die Spiel- und Sangeslust von OH als Papageno. Dieser Komödiant mit dem wohlklingenden gut geführten Bariton beherrscht mit seinem Temperament und seinen Späßen Bühne und Publikum.

Prachtvoll die behende Fröhlichkeit des wendigen, durch natürliche Humorbegabung ausgezeichneten, dabei kultiviert und klangvoll singenden Papageno OHs, der durch seine gewinnende Sympathieaustrahlung ein dem Menschen wie dem Musiker Mozart nahes Rollenbild gestaltete.

Mit viel Stimmkultur gestaltete OH den Wolfram, da wurde das Lied an den Abendstern zum Höhepunkt der Aufführung und zur Rechtfertigung des starken Schlussbeifalls.

Kraftvoll, aber immer kultiviert sang OH den Alfio. Sein grosses Duett mit Santuzza zählte zu den Höhepunkten der Aufführung

Oskar Hillebrandt sang den Holländer auf Weltklasseniveau.

Ein wahrer Glücksfall, daß der mit allen Wassern gewaschene OH (er hat sämtliche für Bass und Bariton geschriebenen Wagner-Rollen gesungen!) herbeigeholt wurde und die Partie mit einer Selbstverständlichkeit durchsang, die einen den Gedanken nahe legte, Wagner hätte ihm eigentlich noch einen 4. Akt schreiben sollen. Er war zudem der einzige Hauptrollensänger, der von sich aus ganz natürlich und noch dazu so lebhaft agierte, wie es ihm kein Regisseur hätte beibringen können. Damit riss H nicht nur auf die natürlichste Weise den Abend an sich (ohne sich ungebührlich in den Vordergrund zu drängen) , sondern brachte die Hauptaussage des Stücks über die Rampe. Gegen diesen sympathischen, umgänglichen spontan reagierenden, nach allen Seiten seine Fäden ziehenden Schuster und gedankenvollen Poeten ist ja wahrlich nichts einzuwenden, was einen Konwitschny etwa zur "Hinterfagung" der Schlussansprache hätte bewegen können. Möge der erfahrene Sänger sich des Wagner-Nachwuchses in ebenso erfolgreicher Weise annehmen! Vor allem, was Gesangstechnik und perfekte Textverständlichkeit anlangt, ist von diesem "Meister" alles zu lernen.

Aber was der Wagner-erfahrene OH mit seiner enormen Bühnenpersönlichkeit in dieser kargen Szene macht, ist beeindruckend. Er singt und spielt immer noch mit unveränderter emotionaler Intensität, stets passender und somit glaubhafter Mimik, bester Diktion sowie starkem Ausdruck den zwischen großen Gefühlen wankenden Schuster. Dabei läßt er die weiterhin blendenden Höhen seines Heldenbaritons hören. Wunderbar nachdenklich sein Flieder-Monolog. H war war mit seiner großen Menschlichkeit und Altersweisheit ausstrahlenden Präsenz das Gravitationzentrum dieser "Meistersinger" -Aufführng - wie schon vor Jahren in der Mielitz-Produktion in Wien oder vor ein paar Jahren in Erl.

Eine Klasse für sich ist OH als fabelhaft finsterer Alberich, sein Fluch vermag Gänsehaut zu erzeugen.

Als dem eigentlich als Wotan angesetzten Juha Uusitalo im zweiten Akt Walküre die Stimme versagte, rief man in höchster Not OH, der zufälligerweise in Wien war (ein Abbruch der Premiere war denkbar). Hillebrandt raste zur Oper und stürzte sich ohne Einsingen, ohne Probe und ohne Kostüm in das Abenteuer. Und H entledigte sich seiner Aufgabe nicht nur achtbar, sondern sehr gut, ja unter diesen Umständen sogar sensationell. Grosses Kompliment!

Der gute und altgediente OH, zuletzt an der Staatsoper für den Wotan in der "Walküre" -Premiere eingesprungen, sang den Jochanaan. In ihm fand die Denoke den darstellerischen Gegensacher, dessen sie bedurfte. H gestaltet sehr aussagekräftige Momente im Dialog mit ihr, sein großes und in vielen Wagner-Rollen erprobtes schauspielerisches Talent kann er hier wirkungsvoll zeigen. Auch stimmlich findet er hier zu starkem Ausdruck in der Dogmatik des Propheten.

Bedrückt, blass und starr wirkt der Holländer Oskar Hillebrandts, fast wie ein seit Jahren in ein und derselben Eckkneipe Strandender; virtuos, wie der Routinier sein Organ beherrscht, dosiert, die Stimmfarbe wechselt.

Kammersänger
Oskar Hillebrandt

Der fliegende Holländer

Mandryka
Arabella

Wanderer
Ring des Nibelungen

Falstaff

Kaspar
Der Freischütz